Hallo Tom und Lenka,
ich versuche, eurer Bitte nachzukommen und zu beschreiben, wie mein einwöchiges Dunkelretreat verlaufen ist und was danach bis heute folgte – heute ist es genau einen Monat her, dass ich aus der dunklen Kammer in eurem Garten in Lomec bei Úmonín herausgetreten bin. Ich glaube, ich werde mich nicht mit einer beschreibenden Schilderung meiner Reise, des Ortes selbst oder dessen, was meiner Erfahrung vorausging, aufhalten – all das haben hier schon viele Menschen viele Male erzählt, und ich glaube nicht, dass ich dazu etwas Neues und Bahnbrechendes beitragen kann. Außerdem kommt es mir eigentlich auch gar nicht wesentlich vor. Wichtig ist, auf welche Weise die Dunkelheit auf meine Seele gewirkt hat, und das versuche ich mit euch zu teilen.

Ich will nicht so tun, als hätte ich während des Dunkelretreats vollkommen unterscheiden können zwischen meiner Beobachtung der Situation und den Emotionen und Gedanken, die mir durch den Kopf jagten – mein Interesse an der ganzen Erfahrung war zum einen „analytisch“, also die Erfahrung in der Dunkelheit zu erleben und mit meinen eigenen Augen zu beschreiben, und zum anderen glaubte ich auch, dass das Dunkelretreat in mir gewisse Veränderungen bewirken würde, die letztlich meinem Leben zugutekommen. Außerdem kannte ich von einem guten Bekannten, der mir schon vor fünf Jahren als Erster etwas über Dunkelretreats erzählt hatte, seine Erfahrung aus zweiter Hand, die meine Erwartungen in hohem Maße prägte – und wie aus den vorherigen Sätzen wohl schon klar ist, waren meine Erwartungen ziemlich groß 🙂
Ich hatte Angst, das Licht auszumachen und im Dunkeln zu sein
Noch bevor ich im Raum selbst das Licht ausschaltete und in die Dunkelheit eintauchte, erlebte ich einen beklemmenden Moment, in dem ich befürchtete, die Dunkelheit würde sich auf mich legen wie eine schwere Bettdecke, unter der ich nicht atmen kann. Da ich mich gegen Dinge, über die ich keine volle Kontrolle habe, meistens mit einem Gebet „wehre“, bat ich Gott (oder eine ihm entsprechende Kraft) darum, dass die Dunkelheit für mich eher ein Nest sein möge, in das ich mich gemütlich kuscheln kann, als ein erstickendes Federbett. Und mein Gebet wurde erhört, und tatsächlich nahm ich die Dunkelheit danach viel freundlicher wahr, als ich anfangs erwartet hatte. Trotzdem stellte sich gleich in der ersten Nacht der erwartete lange und ununterbrochene Schlaf nicht ein, von dem viele Menschen mit Dunkelerfahrung erzählen – in meinem Fall war es eher ein Dämmerzustand, in dem zwischen den einzelnen Träumen verschiedene Andeutungen von Krankheitssymptomen aufblitzten – ich würde es ein wenig mit dem kindlichen Erlebnis von Fieber mit seinem leichten Fantasieren vergleichen. Ich hatte eine Art Halbtraum davon, dass zwei weitere Menschen mit mir im Raum seien, und ich hatte auch das Gefühl, dass irgendwo ständig Licht in die Dunkelheit strömte – der Traum war eigentlich ein unablässiges Bemühen, all die immer neu auftauchenden vermeintlichen Fenster, Gucklöcher und Ritzen zu verstopfen, die mir das Dunkelerlebnis zu „verderben“ schienen. Übrigens habe ich während der ersten zwei Tage tatsächlich ein paarmal Licht erblickt, sei es, weil ich die Augen nicht rechtzeitig geschlossen hatte, als Tomáš mit dem Essen kam, oder weil ich beim Erkunden des Heiligtums auf die Kontrollleuchte des Stromzählers unter dem Waschbecken stieß – der Preis für vorwitzige Neugier J
Apropos Träume: Während des ganzen Dunkelretreats waren die Träume unglaublich farbig, bunt und sehr gut zu behalten (wohl auch deshalb, weil sie beim Aufwachen in die Dunkelheit nicht sofort durch die Einwirkung der äußeren Welt aus dem Bewusstsein verdrängt wurden), aber was mich an ihnen vielleicht noch mehr fesselte – sie waren auf eine geheimnisvolle Weise stabil – ein Traumschloss etwa behielt während der ganzen langen Dauer des Traums dieselbe Form und Raumaufteilung, ein Traum von einer Autofahrt durch die Prager Stadtteile Libeň, Holešovice und Žižkov folgte mehr oder weniger durchgehend ihrem tatsächlichen Stadtplan, ein nicht existierender kleiner Platz in irgendeiner Stadt an der Elbe tauchte sogar in zwei voneinander getrennten Träumen auf. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, aber jedenfalls waren die Träume für mich wohl der realste Kontakt mit dem unbewussten Teil meines Wesens (die Annäherung dieser Gegensätze war eine weitere meiner Erwartungen und Ziele), der sich in dieser Woche ereignete. Hier ist wohl nicht der Platz, sie ausführlicher zu beschreiben, aber wenn ich in jener Woche das Gefühl hatte, mit dem „objektiven Psychischen“ in Kontakt zu sein, mit etwas, das mich in der seelischen Landschaft übersteigt, dann gerade in den Träumen, und wenn ich jetzt nach einiger Zeit die Traumnotizen auffrische, die ich mir nach dem Verlassen der Dunkelheit gemacht habe, staune ich über den Reichtum an Material, der darin auftaucht. Vielleicht kann ich doch nicht widerstehen und teile ein Bild, das ich in der letzten Nacht in der Dunkelheit träumte: Darin wurde ein junger Mann hingerichtet – dem Traum nach ein Patriot und Held der Amerikanischen Revolution, wegen einer nicht näher bestimmten Tat zur Hinrichtung durch die Guillotine verurteilt, und zwar von oben, senkrecht zur Achse des Kopfes – also so, dass er genau längs halbiert und von vorne unversehrt bliebe (damit sein Körper im Museum der Nationalgeschichte ausgestellt werden konnte). Obwohl ich und einige andere Menschen Gehilfen der Exekution waren, die er auf seltsame Weise selbst an sich vollzog, und wir eigentlich ihre einzigen Zeugen waren, waren wir mit der Hinrichtung nicht einverstanden. In dem Versuch, in der ganzen merkwürdigen Situation irgendeinen vernünftigen Sinn zu finden, sagte ich den Satz: „Jedes andere Land würde eine solche Affäre zerreißen, aber Amerika wird sie stärken.“ Ohne die zeitlose Welt des Unbewussten in die Tagespolitik hineinziehen zu wollen, musste ich innehalten, als mir klar wurde, dass ich den Traum an dem Tag hatte, an dem „draußen“ Donald Trump als amerikanischer Präsident vereidigt wurde 🙂
Ich hatte Erwartungen an das Dunkelretreat
Aber lassen wir die Träume. Ich habe schon erwähnt, dass ich mit vielen Erwartungen in die Dunkelheit ging, und die Geschichte dieser Woche war eigentlich ein lehrreicher Weg dahin, dass diese Erwartungen größtenteils nicht erfüllt wurden und ich mich mit dieser Tatsache abfand. Aufgrund der Schilderung meines Freundes nahm ich zum Beispiel an, dass sich bei mir früher oder später Deprivationshalluzinationen einstellen würden, und in den ersten Tagen war ich sogar etwas nervös, dass keine kamen. Ich war auch verschiedenen Überlegungen über ein „langweiliges Unbewusstes“ nicht abgeneigt, die ich in dem Moment auf mich persönlich bezog, was entschieden töricht war. Andererseits bin ich vielleicht gerade dank des Widerspruchs zwischen der Erwartung und dem, was mir die Dunkelheit tatsächlich bot, auf deutlich interessantere Dinge gekommen. Dabei halfen mir kurze Gespräche mit Tomáš, die um die Mittagszeit stattfanden, wenn er das Essen brachte – nach und nach wurde mir immer mehr bewusst, dass jene erwarteten Illusionen ohnehin eher ein „Jahrmarkts“-Blendwerk ohne wirklichen Sinn gewesen wären und dass das Wesen des Dunkelretreats woanders liegt. Über diese Kette von Überlegungen und dank Tomáš‘ Begleitung gelangte ich allmählich zur Frage des Beobachters, des eigentlichen, beständigeren Wesens, das fähig ist, auf das Aufwallen von Geist und Körper zu schauen und sich bewusst zu sein, dass es nicht mit ihnen identisch ist. Ich gehöre zu den Menschen, die aufgrund ihrer eher logischen Veranlagung zwar viel über das Wesen des Absoluten gelesen haben, denen es aber nur sehr selten gelungen ist, damit eine echte Erfahrung zu machen. Und gerade darin ist ein Dunkelretreat wertvoll und bereichernd – Gedanken und bis zu einem gewissen Grad auch Emotionen lassen sich dort tatsächlich besser beobachten, und man kann sich auf seine Weise bewusst sein, dass sie einem wirklich nur geschehen, aber nicht mit einem identisch sind – die Dunkelheit schenkt zum einen Abstand zwischen dem Beobachter und allem Äußeren, zum anderen verlangsamt sie den Fluss der Gedanken und Eindrücke etwas, was wiederum dazu beiträgt, dass ich mich weniger von ihnen verschlingen lasse. Ich würde mir bestimmt nicht anmaßen zu behaupten, dass ich in der Dunkelheit Erleuchtung erlangt habe, aber ich konnte vielleicht zum ersten Mal im Leben Dinge am eigenen Leib erfahren, von denen ich bisher nur gehört und gelesen hatte. Zwar hatte ich nicht einen Augenblick lang (mit Ausnahme des Schlafs) das Gefühl, aus meinem gewöhnlichen, eher intellektuellen Tagesbewusstsein herauszutreten, aber zugleich zweifelte ich nicht daran, dass sich die Dinge auch in jenen Teilen der Seele in Bewegung setzen, die ich nicht überblicken kann. Ich konnte mich nicht ganz von der Vorstellung lösen, dass ein Dunkelretreat mir irgendeinen Sinn und Nutzen bringen sollte – als Tomáš mich fragte, ob es mir nicht genügt, dass die Dinge einfach sind, musste ic
Das Ende des Retreats
Das Heraustreten aus der Dunkelheit war eindrucksvoll. In der letzten Nacht habe ich eigentlich kaum noch geschlafen, weil ich es auf meine Weise kaum mehr erwarten konnte, aus der ruhigen Zeitlosigkeit der dunklen Kammer zurück ins Leben zu treten (seltsam ist allerdings, dass ich mich trotz der erwähnten Abwesenheit eindrucksvoller visueller Illusionen eigentlich, bis auf eine kürzere Episode zwischen dem 5. und 6. Tag in der Dunkelheit, nicht gelangweilt habe – eher boten die nun langsamer fließenden Gedanken genug Material für eine Aufmerksamkeit, die an etwas haften muss, und das war an sich schon ein recht interessantes Abenteuer) – aus der Zyklizität wieder in die Linearität zurückzukehren. Als ich wieder in die äußere Welt hinaustrat, fiel auf die Schneekruste des Gartens das Licht des Halbmonds, das für meine an absolute Dunkelheit gewöhnten Augen überraschend stark war. Es hatte etwa minus zwanzig Grad, aber trotzdem beschloss ich, auf den Hügel hinter Úmonín zu gehen, um den Sonnenaufgang anzuschauen, und ich habe es ganz bestimmt nicht bereut – der Blick auf den Himmel war gewaltig. Die Rückkehr ins Leben war nicht kompliziert – natürlich habe ich viele Impulse mitgenommen, die ich verarbeiten musste, und viele davon springen mich auch jetzt nach einem Monat noch an, aber zugleich war ich immer noch „ich“, wie ich mich kenne – auf der bewussten Ebene unbeeinflusst. Trotzdem spürte ich, kann man sagen, und spüre bis heute, wie sich in meinem Leben auf irgendeine Weise auch Dinge in Bewegung setzen, die scheinbar nicht zusammenhängen oder auf die ich, rational betrachtet, doch keinen Einfluss haben kann – was das aber für mein Leben bedeutet, darauf ist es zu früh zu antworten. Vielleicht wäre es interessant, die Dunkelerfahrung mit noch größerem Abstand zu betrachten, sagen wir einem Jahr, denn ich denke, dass ich im Moment eher nur erahnen kann, wohin mich die Bewegungen führen werden, die seit dem Dunkelretreat in Gang gekommen sind. An einem lässt sich nicht zweifeln – obwohl die ganze Erfahrung von außen scheinbar passiv und langweilig aussieht, handelt es sich um ein seltenes Abenteuer, das unter den Möglichkeiten eines Menschenlebens nicht viele Entsprechungen hat.
Ondra


