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Honza – ich bin mir meiner selbst bewusster

2015-02-08 09.31.23Ich steige am Bahnhof in Kutná Hora aus, und als Verkehrsmittel, um Lomec, das Ziel meiner Reise, zu erreichen, wähle ich meine eigenen Füße. Ich gehe gern noch ein Stück und schaue mir die Landschaft an, sage ich mir, wenn ich jetzt eine Woche lang nichts sehen werde. Der Wind peitscht mir die Schneeflocken direkt ins Gesicht, aber das macht den Weg nur interessanter.

Die erste Ahnung, wie ernst meine Lage eigentlich ist, kam schon am Vorabend der Abreise – da wird mir zum ersten Mal klar, dass eine Woche Dunkeltherapie, eine Woche stockdunkler Einsamkeit, vielleicht doch keine Kleinigkeit wird.

Und das Dunkelretreat beginnt

Die zweite kommt ein paar Minuten, nachdem ich das Licht ausgemacht habe. Ich liege im Bett, durchgefroren vom Weg, die Füße an der Heizung, und im Kopf den Gedanken: „Na, das wird ja ein richtiger Sumpf.“ Stille und stockfinstere Dunkelheit umschlossen mich, und ich fühlte mich wie ein schlichtes Bewusstsein in einer unendlich weiten Höhle, in der es nichts gibt außer diesem meinem Bewusstsein.

Wenn es so etwas wie ein Fegefeuer gibt, muss es so aussehen.

Nach und nach wird mir aber bewusst, dass mir zwei große Geschenke zur Verfügung stehen, die mein Los leichter machen – der Körper und die Stimme. Und so fange ich an zu singen und mich über jeden Atemzug zu freuen.

Die ersten Tage stehen im Zeichen von Schlaf, Gesang und Flötenspiel – die Flöte hatte ich mir nämlich auch mitgenommen (was sich als sehr weitsichtig herausstellte) –, der Freude an dem bisschen Bewegung, zu dem ich Lust und Energie habe, am ausgezeichneten Essen, das mich jeden Tag aufs Neue überrascht, und an der kurzen Gesellschaft von Tomáš oder Lenka, deren Anwesenheit ein Funke in Dunkelheit und Einsamkeit ist.

Erst in der Mitte des Aufenthalts nehme ich die Dunkelheit an, gewöhne mich an sie und sehe sie nicht mehr als Hindernis und Feind, sondern als Freund, der mir Dinge enthüllt, denen man im gewöhnlichen Leben normalerweise keine Aufmerksamkeit schenkt.

Ich lasse die Dunkeltherapie einfach laufen

Auf Tomášs Empfehlung hin rufe ich nichts herbei und lasse alles von selbst geschehen. Die Zeit vergeht, und mir wird langsam klar, dass es wohl zu keiner Offenbarung und keiner Erleuchtung kommen wird. Die Erkenntnisse, die kommen, sind kleiner, aber immer erfreulich.

Hier sollte ich vielleicht ergänzen, dass meine Motivation für den Aufenthalt nicht die Lösung einer schwierigen Lebenssituation ist, wie es bei vielen anderen der Fall ist. Wobei ich zugeben muss, dass auch ich unter dem Einfluss von Lebensfragen auf die Idee gekommen bin, ein Dunkelretreat zu machen. Die haben sich aber zu einem großen Teil schon vor dem eigentlichen Eintritt in die Dunkelheit von selbst gelöst.

Jetzt gehe ich also mit einer recht einfachen Frage auf den Lippen in die Dunkelheit: „Ist es möglich, eine ganze Woche lang mit sich allein zu sein, nur mit seinem Geist/seinem Bewusstsein, ohne jegliche alltägliche Ablenkung?“ Ich sage mir, das müsste doch die grundlegendste menschliche Natur sein – mit sich selbst sein zu können. Wie soll man in der Gesellschaft und in der ganzen Welt funktionieren, wenn man nicht einmal mit sich selbst funktionieren kann, frage ich mich.

Nun, es geht. Und es ist nicht so schwer, wie es scheinen mag – zumindest kam es mir so vor. Ganz reines Gewissen habe ich in dieser Sache allerdings nicht, denn ein bisschen habe ich mich doch abgelenkt. Ich selbst würde es jedenfalls Ablenkung nennen – ob es nun das Singen war oder ganze lange Momente, die ich in Vorstellungen und Erinnerungen verbracht habe, völlig von ihnen erfüllt. Andererseits glaube ich, dass auch all das ganz natürlich zum Menschen gehört, und vielleicht könnte man mich als jemanden bezeichnen, der allzu streng mit sich ist, wenn ich ein mögliches weiteres Dunkelretreat mit Schweigen verbinden würde – eine Vorstellung, die mich im Moment allerdings reizt.

Energie fürs Leben nach der Dunkeltherapie

Auf jeden Fall komme ich an einem schönen Samstagmorgen voller Energie, Optimismus und Lebenslust aus der Dunkelheit. Ihren Teil dazu beigetragen haben ganz sicher auch die Gespräche mit Tomáš und Lenka, die mir großartige Ratgeber, Vertraute und Begleiter waren, wofür ihnen mein aufrichtiger Dank gilt.

Und obwohl ich gegen Ende des Aufenthalts überzeugt war, dass mir dieser Aufenthalt ab einem gewissen Moment nichts mehr zu geben hat, bin ich froh, bis zum Schluss geblieben zu sein. Belohnt wurde ich mit einem Gefühl, das sich bei mir erst am vorletzten Abend einstellte – dem Gefühl, dass das Innere der Hütte vom mattesten Licht erhellt ist, das du dir vorstellen kannst. So etwas wie Mondschein, der sich hinter den Wolken hervordrängt und die Umrisse der Umgebung erahnen lässt. Ein wahrhaft magisches Gefühl also.

Mit etwas Abstand habe ich meine Meinung (nämlich die, dass mir die Dunkelheit schon alles gegeben hat, was sie konnte) überdacht, und wenn die Zeit reif ist und ich wieder diesen Drang spüre, ein paar Tage, ja Wochen mit mir allein zu sein, werde ich nicht zögern, das Dunkelretreat zu wiederholen, vielleicht sogar länger.

Bin ich nach dem Dunkelretreat um ein Jahr weiser?

Zum Schluss, sozusagen als Sahnehäubchen, gestehe ich, dass ich in der Dunkelheit meinen Geburtstag gefeiert habe – den zweiundzwanzigsten (wobei es eigentlich Tomáš war, dem sofort einfiel, wie schön es wäre zu schreiben, dass ich mit einundzwanzig hineingegangen und mit zweiundzwanzig herausgekommen bin).

Aus der Hütte kam ich also ein Jahr älter heraus und, wie ich glaube, auch ein bisschen bewusster …

Danke für alles – ein Dunkelretreat kann ich jedem nur empfehlen.

Honza

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