Hallöchen,
mit etwas Verspätung schreibe ich jetzt über meine Erfahrungen aus dem einwöchigen Retreat im Dunkeln. Ich bin mit dem Plan reingegangen, die meiste Zeit mit Meditation zu verbringen, ich habe nämlich früher Yoga gemacht, und da haben wir ab und zu meditiert. Und weil mir das gefallen hat, hatte ich mir vorgenommen, das im Dunkeln meditativ so richtig groß aufzuziehen. Aber denkste, mit der Meditation lief da gar nichts, null. Also musste ich mir ein Ersatzprogramm suchen, bei mir war das Geschichtenerfinden. Ich habe in meinem Kopf irgendein Thema und eine Situation angestoßen und dann meine Fantasie daraus eine Story machen lassen. Ich selbst habe dann nur als unabhängiger Beobachter zugeschaut, was sich daraus entwickelt, was sich meine Fantasie ausdenkt und wohin mich die Geschichte führt.
Meine Fantasie hat sich verhalten wie der Samen einer Wüstenrose
Der Samen wartet jahrelang in der Trockenheit darauf, dass es regnet, und dann kann er wunderschön aufblühen. Genauso war meine Fantasie im normalen Leben an die Kette gelegt, aber in der langen Dunkelheit sind die Fesseln gefallen, und meine Vorstellungskraft ist auf Hochtouren gelaufen. Ich war selbst überrascht, was mein Bewusstsein (oder Unterbewusstsein) alles ausdenken kann. Beim Beobachten meiner Fantasien war ich in einer Art Trance oder Halbschlaf, und die Zeit verging schnell. Wenn ich aber im Dunkeln meinen Kopf mit nichts beschäftigt habe, habe ich mich gelangweilt, und die Zeit verging furchtbar langsam.
Was noch erwähnenswert ist: die Träume
Noch nie im Leben hatte ich so realistische Träume, an die ich mich nach dem Aufwachen erinnern konnte und in denen ich (manchmal) die Gefühle der Traumfiguren wahrnehmen konnte. Einmal lief der Traum sogar noch weiter, als ich schon wach war. Ich glaube, diesen Zustand nennt man luziden Traum.
Verpflegung
Euer vegetarisches Essen hat mir ganz gut geschmeckt (bis auf die Kürbissuppe, die ich zuletzt hatte), aber ich hatte schon so einen Appetit auf Fleisch, dass ich auf dem Heimweg an der ersten Tankstelle anhalten und mir ein Baguette mit Fleisch holen musste. So gut hat mir lange keins mehr geschmeckt.
Außerdem habe ich noch eine technische Anmerkung. Als ich nach einer Woche halb blind aus der Hütte kam, hat mich gleich hinter der Tür ein Zweig von einem Baum oder Strauch ins Auge gestochen. Dasselbe ist ein paar Minuten später noch mal passiert, als ich in der Morgendämmerung durch den Garten gelaufen bin. Ich würde empfehlen, die Zweige zurückzuschneiden, damit größeren Leuten wie mir) das nicht passiert.
Zum Schluss noch eine Erklärung
Als ihr abwechselnd beide mit dem Essen zu mir in die Hütte gekommen seid, wart ihr mir beide total sympathisch. Ich hatte vor, an dem Samstag nach dem Retreat auf euch beide zu warten und mich länger mit euch zu unterhalten… aber nachdem ich aus der Hütte gekrochen war, hat mich so ein Heimweh gepackt, dass ich mich nach einer Stunde Eingewöhnung einfach ins Auto gesetzt habe und losgefahren bin.
Pavel


