Vor dem Dunkelretreat – Licht
Der Anfang meines einwöchigen Dunkelretreats war klassisch … kurz nachdem ich das Licht ausgemacht hatte, legte ich mich hin und schlief. In dieser ersten Nacht kam ein Traum: Ich mache eine Dunkeltherapie, bin aber aus irgendeinem Grund wieder draußen im Tageslicht gelandet. Weil ich schon lange über ein Dunkelretreat nachgedacht und mich darauf gefreut hatte, versuchte ich mit aller Kraft, zurück in meine kleine Kammer zu kommen. Es gelang mir überhaupt nicht. Als ich dann am Morgen aufwachte, wurde mir klar, dass ich zum Glück nirgendwohin gegangen war, dass ich immer noch in der Dunkelheit bin – und mich überflutete buchstäblich ein Gefühl der Freude. Ein großartiger Anfang!
Nach dem Aufwachen folgten die unvermeidliche Erkundung der Umgebung, die Orientierung im Raum, die Morgenhygiene und ein wegen des begrenzten Platzes nicht besonders gelungener Versuch, mich auf der Isomatte zu dehnen. Dann wechselten sich Liegen und Sitzen, Wachen und Schlafen ab. Beim ersten Besuch von Lenka erzählte ich von meinem Traum und erfuhr, dass eine Frau in der Hütte nebenan schon überlegt, die Therapie abzubrechen. Wieder wurde mir bewusst, wie wohl ich mich fühle, und ich war sehr dankbar dafür.
Die ersten ungewöhnlichen Wahrnehmungen stellten sich am zweiten Tag ein: Bei schnelleren Lagewechseln begannen vor meinen Augen winzige „Flimmerpunkte“ aufzutauchen, als würden kleine Lichter zu blinken anfangen. Diese Lichter wurden mit jedem Tag häufiger und erschienen schon bei kleinsten Bewegungen. Zuerst erinnerten sie mich an kleine Funken. Später, als die Intensität zunahm, hatte ich eher den Eindruck eines Stroboskops, das irgendwo in einer Disco blitzt, und schließlich nahm es die Gestalt von Sonnenstrahlen an, die sich auf einem Teich spiegeln und verspielt niedliche Lichtflecken in meine Augen werfen – ob sie nun offen oder geschlossen waren.
Später ließen sich diese Lichtwahrnehmungen auch ohne Bewegung hervorrufen, allein durch Konzentration. Es gelang mir sogar, das Blinken zu beruhigen und in ein konstantes Licht zu verwandeln. Es war nicht schwer festzustellen, dass das Licht nicht von außen kommt, sondern von innen. Sein Brennpunkt lag im Brustbereich, und es durchflutete vor allem den unteren Teil des Gesichts bis hinauf zu den Lidern. Wenn ich mich beruhigte und nach innen konzentrierte, wurde es stärker und erleuchtete das ganze Gesicht mit einem buchstäblich unwirklichen Glanz. Es hatte einen weißen bis goldenen Schimmer. Meine eigene Beobachtung bestätigte mir so, was ich schon früher erfahren hatte: dass in uns Licht ist, dass wir dieses Licht, diese Energie sind. In einem Moment stellte ich mir vor, wie dieses unser kleines, scheinbar getrenntes Lichtlein nach dem Ende der Inkarnation zurück zur Quelle kehrt, und mich durchströmte ein unglaublich intensives Gefühl von Glückseligkeit und Wonne. Mir kamen zwei Worte in den Sinn: famose Sache!
Dunkelheit – ich und die Fliege
Ich gehe noch einmal zum Anfang zurück, als ich mir vor dem Ausschalten des Lichts die Räume der Hütte anschaute und an der Wand eine Fliege entdeckte. Mir kam der Gedanke, dass sie hier nicht unbedingt die beste Gesellschaft wäre, und ich beförderte die Fliege hinaus.
Später, etwa in der Mitte der Woche, hatte ich beim Einschlafen im Halbschlaf eine kurze Vision: Aus dem Nichts erschien ganz nah vor meinem linken Auge der Kopf eines Insekts mit großen Augen. Mein Auge bildete gleichsam die Trennwand zwischen uns, und durch sie hindurch starrten wir einander an. Es erinnerte auffallend an eine Szene aus einem Actionfilm, in der man aus dem Bürofenster eines Wolkenkratzers in die Scheiben eines schwarzen Hubschraubers blickt, kurz bevor er das Feuer eröffnet. Die Vision dauerte ein paar Sekunden, lang und intensiv genug, dass ich sie mir gut merken konnte.
Am nächsten Tag brachte mir Lenka wie gewohnt hervorragendes Essen, und als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, war kurz darauf aus dem Nichts in der Dunkelheit das typische Summen zu hören. Das war die Begrüßung. Danach folgte das Kennenlernen. Die Fliege startete ihre Angriffe von einer Seite zur anderen, rauf und runter, in alle Richtungen. In einem Raum von ein paar Quadratmetern kommt man sich dann vor wie in Pearl Harbor beim Angriff japanischer Kamikaze-Jäger. Wenn wir einen Sinn verlieren, verstärken sich angeblich die anderen, um den Verlust auszugleichen. Wenn man also nichts sieht, verstärkt sich automatisch das Gehör! Man kann sich leicht vorstellen, was für ein großartiges akustisches Erlebnis so eine Fliege in diesem kleinen Raum in der Dunkelheit bieten kann. Nach ein paar geflogenen Kilometern wird zum Glück aber auch eine Fliege müde, setzt sich und wird still. In dieser Position bleibt sie gewöhnlich genau so lange, bis man einzuschlafen beginnt. Dann startet sie wieder ihre Turbomotoren, und man kann sicher sein, dass sie Kurs auf die Nase oder das Ohr nimmt. Wenn sie dann mit unglaublichem Getöse versucht, ins Ohr hineinzukommen, und mit den Flügeln um sich schlägt, hat der von der Dunkeltherapie zur Ruhe gekommene Mensch das Gefühl, als würde ein großer Vogel auf ihm landen, mindestens so groß wie ein Rabe J
Am folgenden Tag brachte Tom das Essen, und auf meine Frage, was man mit der Fliege machen könnte, sagte er: nichts, in ein, zwei Tagen geht die Fliege ein. Ich solle es so sehen, dass sie aus irgendeinem Grund dort aufgetaucht ist und dass es so sein soll. Prompt fügte er die Geschichte von einem meditierenden Samurai hinzu, dem eine Fliege auf der Nase landet. Mit dem Schwert halbiert er sie in zwei Teile. Jedem Teil wächst dann ein Körper nach, und aus einer Fliege werden zwei. Der Samurai erledigt sie alle, und bald hat er einen ganzen Fliegenschwarm um sich. Schöne Geschichte, schöne Pointe. Ich akzeptiere die Fliege, kämpfe nicht gegen sie, damit das Problem nicht wächst, ich lasse es sich auflösen. Und tatsächlich: Die Fliege wird schwächer, immer leiser, die Angriffe werden seltener.
Am nächsten Tag, beim Bringen des Essens, denke ich gar nicht mehr an die Fliege und genieße es. Allerdings nur so lange, bis sich die Tür hinter Lenka schließt und nach einer Weile wieder das bekannte Summen ertönt. Diesmal aber lauter. Zu Besuch war nämlich offensichtlich eine frische Fliege gekommen, eine jüngere, neue Generation. Eine Fliege mit einem Elan, der den der ersten Fliege um ein Vielfaches übertraf. Und die Angriffe beginnen von vorn … J In der letzten Nacht ersetzte das humorvolle Universum die Fliege dann durch eine Mücke … J
Zurück zur Dunkeltherapie …
Während der ganzen Dunkeltherapie spürte ich, wie mich die Dunkelheit liebevoll in ihren Armen hält. Eine unendliche Dunkelheit ohne jegliche Begrenzung. Am fünften Tag, als ich auf dem Boden saß, durchfuhr es mich buchstäblich. Plötzlich hatte ich das Gefühl, den Umriss meines Beins zu erkennen. Rechts neben mir schien eine hellere Stelle zu sein, und wenn ich mit der Hand wedelte, verdeckte ich sie. Ich bekam den Eindruck, auch den Raum des Zimmers zu sehen. Ich bekam Gänsehaut. Es war unerwartet und hatte noch dazu einen überraschend unangenehm düsteren Beigeschmack. Ich wartete, was weiter passieren würde, aber zu meiner Überraschung verschwand es nach einer Weile, und es breitete sich wieder Dunkelheit aus. Es noch einmal hervorzurufen, gelang mir nicht mehr. Es blieb nur ein unangenehmes Gefühl, bei dem mir – ich weiß nicht, warum – die Prinzessin aus dem Märchen Bajaja einfiel, wie sie die Drachenhöhle betritt … Als ich mich dann nach einer Weile wieder hinlegte und einschlief, erschien eine kurze Vision eines Kinderbetts mit einer Decke und wechselnden Tierbildern. Mir wurde klar, dass es eine Szene aus meiner Kindheit war, und so versuchte ich, tiefer hineinzugehen und damit zu arbeiten. Es war ungemein interessant, und ich spürte, dass es auch reinigend war. In letzter Zeit neige ich immer mehr zu der Theorie, dass es nicht reicht, nur ein positiver „Gutmensch“ zu sein, sondern dass man, wenn man psychisch und körperlich gesund sein will, seine Traumata und Blockaden früher oder später einfach doch auflösen muss.
Während der ganzen Woche wechselten sich bei mir verschiedene Gefühle und Stimmungen ab, und ich nahm leicht wahr, wie das emotionale Pendel mal zur einen, mal zur anderen Seite ausschlug. Einmal spürte ich zum Beispiel gleich nach dem Aufwachen ein sehr angenehmes Strömen von Energie im Körper, sodass ich das Gefühl bekam, die Therapie werde mit jedem Tag interessanter und für echte „Feinschmecker“ sei eine Woche verflixt wenig. Ein anderes Mal fragte ich mich dagegen, was ich hier eigentlich mache, wo ich doch längst weiß, dass ich den Weg der Freude im gegenwärtigen Moment gehen sollte. Mir wurde klar, dass ein Menschenleben zu kurz ist, um es damit zu vergeuden, Dinge zu tun, die wir nicht tun wollen, und uns um etwas zu zanken, das eigentlich überhaupt nicht wichtig ist.
Zum Schluss zu meinem Dunkelretreat …
Nach dem Dunkelretreat fällt es mir jetzt leichter, mir die gleiche Lichtnatur aller Lebewesen bewusst zu machen und die Absurdität der Versuche, den Eindruck von Getrenntheit und Verschiedenheit voneinander zu erwecken. Ich könnte mir deshalb vorstellen, dass in Gefängnissen, wo sich die Menschen befinden, die sich am meisten in der Illusion der Getrenntheit verloren haben, die Teilnahme an solchen Therapien Pflicht wird. Auf Einwände wie, dass man Verbrecher nicht gegen ihren freien Willen in die Dunkelheit zwingen kann, würde ich mit der Frage antworten, ob nicht schon allein die Tatsache, dass sie im Gefängnis eingesperrt sein müssen, gegen ihren freien Willen ist? Damit dem Recht auf freien Willen aber Genüge getan wird, würde ich den Verbrechern eine Strafverkürzung im Tausch gegen eine Dunkeltherapie anbieten J
Lenka hat mich gebeten, bei der Beschreibung meiner Eindrücke und Erfahrungen auch eventuelle negative zu erwähnen (diesen sympathischen Ansatz schätze ich persönlich besonders). Es hat ziemlich lange gedauert, bis mir überhaupt etwas eingefallen ist, worauf ich irgendwie „negativ“ hinweisen könnte. Also … vielleicht nur, dass der Holzboden nicht knarren müsste, die elektrische Direktheizung beim Abkühlen manchmal laut knackt und ich mir die Dusche etwas größer gewünscht hätte 🙂
Außerdem würde ich eine energetische Reinigung der Räume bzw. Hütten empfehlen, in denen meiner Meinung nach die unterschiedlichsten Energien der vorherigen Gäste haften bleiben, die sich hier in recht großer Zahl abwechseln. Ideal wäre aus meiner Sicht das Gerät Somavedic, das solche Dinge zuverlässig reinigt (ich habe damit fast zwei Jahre Erfahrung). Ich denke, dass die Dunkelheit allein solche Dinge nicht beseitigen kann – sonst müssten die finsteren unterirdischen Kerker der Folterkammern auf Burgen, in denen Gewalttaten geschahen, zu den reinsten Orten überhaupt gehören. Dass es nicht so ist und dort negative energetische Abdrücke zurückbleiben, wissen wohl die meisten von uns …
Mein großer Dank gilt Lenka und Tomáš dafür, dass sie den Menschen diese Möglichkeit bieten. Großer Dank für ihre ganze Fürsorge für die Gäste. Ein besonderer Dank an Lenka für ihre großartigen, abwechslungsreichen Gerichte mit wunderbarem Geschmack, offensichtlich mit Liebe zubereitet.
DANKE!!!
Martin
Einen Monat nach der Dunkeltherapie …
An das Dunkelretreat denke ich immer noch als an eine interessante Erfahrung zurück. Ich habe ein wenig in mein Inneres geschaut. Vermittelt haben mir das aber weniger Visionen als vielmehr Emotionen, Gedanken, Intuitionen. In dieser Dunkelheit und Stille ließ sich so manches Interessante beobachten, zum Beispiel, dass Wörter mit Bildern verbunden sind. Spreche ich das Wort Haus aus, taucht im Kopf das Bild eines Hauses auf. Das ist ein automatischer und kurzer Vorgang, den wir normalerweise nicht bemerken. Das bestätigt mir die Theorie, dass es, wenn die Realität um uns herum eine Projektion unserer inneren Vorstellungen (Bilder) ist, offensichtlich gut ist, darauf zu achten, was wir sagen und worüber wir reden. Wir erschaffen es damit. Das ergibt für mich Sinn. Das ist eine wichtige Botschaft vor allem für die ewigen „Pessimisten, Jammerer und Schimpfer“ – uns ist das zum Glück schon bewusst.
Die interessanteste Erfahrung war wohl die mit dem inneren Licht, wie ich schon erwähnt habe. Wir sind aus Licht, Pflanzen ernähren sich von Licht, Tiere von Pflanzen oder anderem Fleisch, das wiederum nur „gespeichertes“ Licht ist. Wir könnten nur von Licht leben, wenn wir nicht die Programme hätten, dass wir essen müssen.
Mich persönlich reizt es nicht, endgültig auf Lichtnahrung umzusteigen und auf Essen zu verzichten. Was mich daran reizt, ist aber die Freiheit der Wahl. Nicht nur zu essen, weil ich muss und weil ich davon abhängig bin, sondern weil ich will. Heute weiß ich, dass ich überlebe, wenn ich 21 Tage nichts esse (nach meinem Fasten). Das ist so eine einundzwanzigtägige Gewissheit der Freiheit. Ich hätte aber ganz gern eine dauerhafte Freiheit, also zu wissen, dass ich jederzeit beliebig lange mit dem Essen aufhören und dann jederzeit wieder zurückkehren kann. Das wäre für mich der ideale Zustand. So sehr sehne ich mich dann aber auch wieder nicht danach, mir gefällt nur der Gedanke. Wahrscheinlich sollte ich aber damit anfangen, dass ich aufhöre, mich zu überfressen und mir damit Energie zu rauben 🙂 Aufhören zu essen beim ersten Sättigungsgefühl statt wie bisher „beim dritten Gefühl des Überfressenseins“! 🙂
Auf die Frage, ob ich mich im Dunkelretreat nicht gelangweilt habe, antworte ich, dass ich es nicht direkt Langeweile nennen würde. Fehlende Beschäftigung, ja, aber unter Langeweile stelle ich mir etwas anderes vor. Hier wusste ich die ganze Zeit, dass etwas passiert, auch wenn es vielleicht nicht so aussieht. Die Untätigkeit hatte ich geplant, also habe ich dort eigentlich die ganze Zeit meinen Plan „umgesetzt“ … 🙂 Es stimmt aber, dass jeder Lagewechsel, die paar Schritte zur Toilette, Tee holen, all das unglaublich angenehme Abwechslungen waren, buchstäblich ein Erlebnis – diese Momente habe ich ungemein genossen. Gelitten habe ich also nicht, aber es stimmt, dass ich mich darauf gefreut habe, es hinter mir zu haben.
Mir ist noch eingefallen, dass ich, als ich mich auf das Blinken zu konzentrieren begann und es sich zu einem konstanten intensiven Licht stabilisierte, plötzlich die wunderbaren Geräusche des nächtlichen, schlafenden Dschungels hörte, so wie ich sie von Expeditionen in den peruanischen Amazonas kenne. Genau so, wie wenn man nach einer Ayahuasca-Zeremonie in den Armen der Nacht ruht und die Verbindung mit der Natur, mit dem Universum genießt …. Am ersten Abend zu Hause habe ich die Dschungelgeräusche noch gehört, jetzt nicht mehr.
In der Dunkelheit habe ich oft an Ayahuasca gedacht. Wie auch nicht – beide erweitern das Bewusstsein, führen zum selben Ziel, nur jede auf etwas andere Weise. Während die Dunkelheit wie ein langsames Aufknöpfen einer Bluse ist, Knöpfchen für Knöpfchen, ist Ayahuasca das Aufreißen der Bluse mit einem einzigen Ruck 🙂
So viel zu meinem Nachtrag zum Dunkelretreat.
Martin


