Liebe Lenka, lieber Tomáš
heute früh bin ich ohne Abschied von euch abgereist.
Ich glaube, dass ihr in all eurer Weisheit mein Verhalten nicht als Unhöflichkeit versteht und es euch deshalb nicht kränkt. Das Warten darauf, dass ihr aufwacht, hat meine Sehnsucht nach Zuhause überwältigt.
Jetzt, zu Hause, mitten in der Nacht, ist mein Schlaf untergegangen unter der Fülle der zurückkehrenden Erlebnisse aus der Dunkelheit und der heutigen Begegnungen, Gefühle, der Menge an Eindrücken, Geräuschen, Worten und Tätigkeiten hier „draußen“.
Und so schreibe ich. Ich schulde euch diesen Abschied. Und ein Dankeschön.
Wie beschreibt man das Unbeschreibliche, ohne dass es banal klingt …
Den Namen eurer (und für eine Weile meiner) dunklen Hütte – Nördliches Heiligtum – habe ich erst drinnen ganz verstanden. Heilige Zeit. Ungestört, heilsam, erfüllt in ihrer Leere …
Die Möglichkeit, nur mit mir selbst zu sein, mag ich. Ich nenne das nach Herrn Hrabal meine allzu laute Einsamkeit 🙂 . Hier aber war sie außerdem lang und die ganze Zeit von einem tiefen inneren Gefühl des Friedens umhüllt.
Gegen eine gewisse Erwartung konnte ich mich, obwohl ich es versucht habe, nicht wehren.
Davon ist hier nicht viel eingetreten.
In die absolute Dunkelheit starren, Gedanken beobachten, der Stille lauschen, Meditation und Gebet, sanftes Yoga – Einheit von Körper, Atem und Geist, Geduld im Wechsel mit Unruhe, Spaziergänge an den Wänden entlang, körperliche Bedürfnisse, Essen, Nachdenken, Singen, Träumen – Wachen …
Immer im Kreis, sieben Tage und Nächte, wie im Märchen.
Tage und Nächte, zwischen denen die Grenze verschwimmt. Eine Sache zu einer Zeit. Und Zeit gibt es genug 🙂 Es ist Zeit, in der Stille die Antwort auf die eigene Frage zu hören, Zeit, alte Schmerzen abzugeben, kreisende Gedanken aufzulösen, Zeit für reines Sein, für das Öffnen des Herzens ..
Im Schlafsack ein tiefes Gefühl, eine Libellenlarve zu sein, Metamorphose.
Ich lächle über die Spiegelung. Auch hier ist sie 🙂
Familie
Ein zuverlässiger Thermostat, der leise brummt, an- und ausschaltet, damit es angenehm warm ist (außer wenn ich mir durch hastiges Herumhantieren daran eine kühle Weile beschere). Ab und zu der Gesang eines Vögelchens von draußen, Freude bringend, so lieb und kostbar. Der Wind mit seinen Launen, pfeifend, fast gespenstisch heulend, jaulend, und dann wieder still werdend. Essen, auf das du wartest, du weißt nicht, wann es kommt und wie es sein wird, mit Dankbarkeit nimmst du die Vielfalt der Geschmäcker an ..
Freunde
Kostbare Kleinigkeiten, die enorm helfen: eine Mala-Kette, dunkle Schokolade, ein ganz glatter Edelstein, Zitrus, Zeder und Lavendel, warmer Tee, ein Meditationskissen …
Weitere Gesellschaft
Eine Ameise in den Heidelbeeren, eine nächtliche Maus unter der Hütte und ihr viel zu lautes Nagen, das mich nicht schlafen ließ, ein gackerndes Hühnchen, das mich in die zeitliche Wirklichkeit zurückholte.
Ein Missgeschick, das mich nach draußen trieb und mich gleich darauf zum Nachdenken zwang über meine Torheiten. Rückkehr und Tränen der Dankbarkeit.
Die Dunkelheit hat mich überreich beschenkt
Ein paar überraschende Einsichten in Träumen und Meditationen. Tiefe Gefühle von Liebe, Frieden und Demut. Möge ich den gewonnenen Schatz bewahren können. Möge er auch anderen nützen.
Davon die kommenden Tage …
Draußen hat eine Amsel gepfiffen. Zeit, schlafen zu gehen 🙂
Und so verabschiede ich mich von euch. Und danke euch vielmals. Für das Heiligtum, für eure liebevolle Fürsorge, für alles … danke, danke, danke.
Keine Larve mehr und noch keine Libelle. Die Verwandlung ist nicht leicht,
Hanka


